Autisten und verruchte Orchester
1. January 2018
Es ist ja unter Kulturjournalisten gang und gäbe Ende Jahr einen Jahresrückblick zu schreiben. Eine Bestenliste kann ich hier nicht schreiben, aber immerhin ein Konzertrückblick vom 22. Oktober im Beflat. Wer hätte gedacht, dass mein erster gedruckter Konzertbericht vom Beflat sein wird. Doch was Peter Kernel und Autisti auf die Turnhalle-Bühne brachten ist einen Bericht wert.
Peter Kernel waren mit ihrem “Wicked Orchestra” unterwegs, ein kleines Orchester von sechs Musiker_innen, die Kernbesetzung bestehend aus dem Liebespaar Barbara Lehnhoff und Aris Bassetti. Zu Beginn Mitte bis Ende Nullerjahre waren sie noch zu viert, und spielten im April 2010 ein wunderbares Konzert im Frauenraum. Bald darauf sind sie jedoch auf ein Trio geschrumpft. Aris (Gitarre) und Barbara (Bass) wurden in den letzten Jahren Live jeweils von wechselnden Schlagzeugern begleitet. Im 2016 wurden Peter Kernel um das “Wicked Orchestra” erweitert, ein kleines Orchester mit Harfe, Harmonium, Cello, Viola und Klavier. Auf die üblichen Instrumente Schlagzeug, Gitarre und Bass wurde fast gänzlich verzichtet. Einzig ein paar Trommeln stehen mittig auf der Beflat-Bühne und werden von Aris und Barbara träumerisch beklopft.
Für diese Besetzung wurde nur ein einzelner neuer Song komponiert, die restlichen Songs stammen aus dem Stamm-Repertoire von Peter Kernel. Das ist sehr spannend, denn die Songs funktionieren auch wenn die drängende Präsenz der klassischen Rock-Instrumentierung gänzlich fehlt. Das spricht sehr für das Songwriting von Barbara und Aris, doch fand ich die Konzerte der Rockband Peter Kernel aber doch meistens bewegender, was aber nicht heissen muss, dass die orchestrale Interpretation nicht bewegend wäre. Peter Kernel sind sonst halt einfach sehr bewegend.
Bewegt haben mich dann Autisti, die anschliessend die Saiten und Felle bearbeiteten und auch von jenseits des Röstigrabends, aus der Romandie, stammen. Autisti sind Louis Jucker und Emilie Zoé an den Gitarren und Gesang sowie Steven Doutaz am Schlagzeug. Für Louis Jucker ist das etwas abgegriffene Wort Tausendsassa, Tausend dies und das, sehr treffend. Früher spielte er bei der Post-Metal Band The Ocean, zur Zeit hat er neben Autisti noch drei weitere Bands, The Fawn, Kunz und Coilguns. Letztere bewegen sich eher in härteren Gefilden, welche in den letzten Ausgaben Thema waren. Daneben tritt Jucker auch Solo mit Gitarre auf und spielt dabei düster folkige Lieder, die sehr sperrig in der Singer/Songwriter Schublade liegen, fehlt doch meist jedes liebliche Element. Als sich Zoé und Jucker trafen, schlug er vor, für sie Lieder aufzunehmen, was in Emilie Zoés Album Dead-End Tape resultierte.
Autisti sind aus dem Wunsch Juckers mit Zoé und Doutaz Musik zu machen entstanden. Mit dem Projekt L’Altro Mondo, die andere Welt, wurde die Musik schliesslich auf einer von fünf Vinylscheiben festgehalten. Neben Autisti sind viele andere Gastmusiker_innen, Liebhaber und Freunde Juckers auf dem Album vertreten. Die Zusammenarbeit mit Zoé gestaltete sich nicht auf Anhieb einfach, weil sie beide “Freaks” seien, so Zoé. Aber mit Autisti funktioniert das sehr gut, und das ist auch auf der Bühne offensichtlich.
Mit Autisti lassen die beiden ihren Gitarren freien Lauf und bewegen sich jenseits der Solo-Frickeleien in Lo-Fi Indie-Folk-Rock und zuweilen sogar in Grunge Gefilden. Sehr schön, wie sich Zoé jenseits von Gender-Rollenbildern im Bandgefüge bewegt. Sie bedient die Gitarre mit einer Selbstverständlichkeit und Energie wie sie sonst gerade in nicht-Frauenbands leider immer noch allzuselten zu sehen ist.
Autisti spielen ihre bis auf weiteres letzten Konzerte im Februar. Emilie Zoé veröffentlich noch dieses Jahr ein neues Album.