Die Vermessung der Nacht
1. April 2018
Bereits in der Januarausgabe dieser Schrift wurde über Peter Kernel berichtet, aber auch SRF Virus meint, Peter Kernel seien nach Risotto das zweitbeste aus dem Tessin. Den Vergleich find ich zwar etwas schwierig, aber einig bin ich damit: “Wir würden es am liebsten von den Dächern schreien: Peter Kernel sind eine der besten Schweizer Rockbands – und verdienen gerade darum viel mehr Aufmerksamkeit.” (https://is.gd/A5ISOz)
Zum Glück kriegen sie in Bern einige Aufmerksamkeit von VeranstalterInnen, so gibt es immer mal wieder die Gelegenheit, sie auf einer Bühne zu sehen, zuletzt etwa im aus allen Nähten platzenden ISC an der Tour de Lorraine.
Im März ist ihr viertes Album “The Size of the Night” erschienen, hier ein Versuch, das Gehörte zu beschreiben.
Vom ersten Ton an ist der Tonträger als Werk von Aris Bassettis und Barbaras Lenhoffs erkennbar, ihr Gitarrenspiel und Gesang sind seit ihrem Erstling “How to Perform a Funeral” vor zehn Jahren unverkennbar. Wie auch auf den anderen Tonträgern handeln die Texte von den Wirren und Freuden von Freundschaften, Liebe und allem dazwischen.
Das Eröffnungslied “There’s Nothing Like You” beginnt ruhig, mit Gesumme und Bass Geschrummel und steigert sich langsam mit einsetzendem Schlagzeug und Gitarre zum grossen Rocksong mit einem guten Schuss Epos.
“Pretty Perfect” beginnt mit Gitarrenpart und Gesang am Rand zum Schreien, wie es in vielen anderen Peter Kernel Lieder zu hören ist, wird jedoch schnell durch ein paar schnelle Schlagzeugtakte gebrochen oder wechselt in langsame Parts. Das Spiel zwischen eingängigen Gitarrenmelodien, schnellen Trommelrythmen und leicht atonalem Gesang erzeugt eine ganz eigene Spannung.
In “The Secret of Happiness” ein über grosse Stücke instrumentales Lied, erst nach mehr als einer Minute setz gesprochene Sprache ein. Aris und Barbara versuchen zu ergründen, woran Liebe zu erkennen ist und statuieren “No, we’re never gonna know, when love is on the way” (nein, wir werden nie wissen, wann die Liebe unterweg ist).
Barbara Lenhoff ist auch Filmemacherin und hat auch für Peter Kernel viele ästhetische Musikvideoclips gemacht. Das Video zu “Terrible Luck” wurde hoch über dem Lago Maggiore nur mit einem iPhone aufgenommen und auf der Facebook-Wall eines Fans veröffentlicht.
Von Beginn weg ziemlich hypnotisch, später treibend, erinnert “Drift to Death” an die in der letzten Ausgabe besprochenen Exploded View oder Beak.
Für den Videoclip von “Men of the Women” haben Peter Kernel bei der Live-Premiere des Songs die Zuschauer gebeten, den Song mit ihrem Smartphone festzuhalten und das Videomaterial einzusenden. Der Song beginnt sanft mit einem leicht psychedelisch repetitiven Basslauf, bald setzt Gesang, ein Snare-lastiger Beat und eine spärliche Gitarre ein. Bass und Schlagzeug treiben den Song gemächlich aber doch stetig vorwärts bis zum Break.
“The Revenge of Teeth” richtet sich in ruhigen Tönen an eine verflossene Liebe, die Aufforderung “get your shit and get out!” (nimm deinen Scheiss und geh raus!) steht im Kontrast zur Entschuldigung “never had any time for you, never had any time to get sick of you, but I’m not accusing you.” (hatte nie Zeit für ich, hatte nie Gelegenheit dir überdrüssig zu werden, aber ich beschuldige dich nicht). Auch Instrumental wird der Kontrast zwischen Reue und Nachtrauern und Vorwärtsschreiten eindrücklich umgesetzt, ist der Song zu Beginn ruhig und fast lieblich, wird er gegen nach dem Break treibend und dissonant, fast schon aggressiv und endet schliesslich ein einem Fade-Out.
“The Shape of Your Face In Space” oszilliert zwischen langsamen, balladesken mit wenig Instrumenten unterlegtem Gesangsparts und nervösem, uptempo offbeat Getrommel.
Die stilistische Spanne ist weit und doch ist das Album äusserst kompakt, nie verzettelt, immer auf den Punkt.
Sehr schön auch, dass Peter Kernel immer noch eine eher rohe und dynamische Soundästhetik bevorzugen und nicht eine geschliffene (und langweilige) Produktion veröffentlicht haben. Der Sound ist druckvoll und detailliert, ohne künstlich oder überproduziert zu wirken. Instrumente und Gesang klingen sehr natürlich, das Hörerlebnis ist dadurch auch sehr persönlich.
Zu kaufen gibt es die Scheibe im Rockaway Beach an der Speichergasse oder bei Serge and Peppers ein paar Häuser weiter an der Rathausgasse.