Onomatopoesie

Tonmalerei, Lautnachahmung, Schallwortbildung, Klangnachbildung

Strudelrock

1. August 2018

Geheimtipp mag kaum mehr das treffend Wort sein für das Berner Quartett willibald, zumindest nicht in der Bärenstadt, zu lang ist dafür die Liste der bespielten Bühnen: Schon nur dieses Jahr waren willibald im Du Nord, im Bad Bonn, im Frauenraum und zuletzt im Q-Hof zu hören. Wer sie an einem dieser Ort erleben konnte, dürfte einig sein mit dem Wunsch, dass sich diesen MusikerInnen noch viele weitere Bühnen in und weit weg von Bern öffnen werden, dem interessierte Publikum zuliebe. Denn was die Vier hier darboten, liess, trotz schwierigen Bedingungen – die Bühne steht frei im Rund der Gemäuer des Quartierhofs, das Licht unbewegt und hell, und die Beschallungsanlage von suboptimaler Qualiät – dennoch allesamt Anwesenden berührt und bewegt zurück.

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The Mighty Abini & Rea

1. July 2018

Steve Albini, ist weniger als Musiker denn als Produzent zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gekommen, obwohl er sich selber nicht als Produzent versteht, er sieht sich mehr in der Rolle des Aufnahmtechnikers, der auf Band prägt, was die MusikerInnnen zu ihm tragen, ohne dabei in den kreativen Prozess Einfluss zu nehmen.
Der unverwechselbare Albini Sound ist auf ganz grossen Meisterwerken vertreten, und trotz seiner Bescheidenheit ein wesentlicher Teil dieser Werke: Pixies, PJ Harvey, Nirvana, Neurosis aber auch etwa die Luzerner Tunica Dartos war für Aufnahmen im Electrical Audio Studio in Chicago. Albini bietet jedem und jeder, die ihn Anruft seine Dienste an, ob das jetzt Kurt Cobain oder Roman Krasniqi ist.
Nun hat selbiger Steve Albini zusammen mit Bob Weston und Todd Trainer selber eine Band namens Shellac. Auf Wunsch der Band war die Dachstock-Bühne spartanisch in weiss beleuchtet, und auch das Publikum war leicht erhellt.
Obwohl er sicher alle Tricks beherscht für einen fetten Gitarrensound, war seine Gitarre alles andere, dermassen schrill und sägend, dass einem Angst und Bange um Ohren und das viele Holz im Stock wurde.
Rechts auf der Bühne Bob Weston am Bass, wohliger Gegenpol zu Albinis Säge, grummelig groovende Basslines, dazwischen schön komplex am Schlagzeut Todd Trainer.
Das ganze immer Anspruchsvoll, immer hart an der Grenze zum Lärm, aber nie ennet selbiger, immer findet sich wieder ein Groove, eine Linie, die sich im Unvertrauten vertraut anfühlt, zum Kopfnicken oder Fusswippen einlädt.
Shellac scheint auch aktiv Frauenföderung zu betreiben, so besteht die Opener Band Decibelles aus zwei Frauen und einem Mann, und am Mischpult steht ebenfalls eine Frau. Beides Felder mit leider verschwindend kleinem Frauenanteil.
Decibelles begeisterten ganz unabhängig von ihrem Frausein mit ihrem energiegelandenem Punkrock. Obwohl die Bühne dazu etwas gross war, im engen Keller funktioniert Punkrock einfach besser, gefällt ihre Musik auch hier.

Auch erfreulich hoch war der Frauenanteil am später stattfindenden Festival O’Bolles auf der anderen Seite der Strasse. Endlich konnte ich dort die in Biel wohnhafte Rea Dubach hören und mir bestätigen, dass ich meinen Musikradar korrekt justiert habe, denn darauf war sie schon länger erschienen. Rea beherscht das Spiel mit ihrer Stimme perfekt, die Geräte gerade so weit weg von perfekt, dasss es spannend bleibt und etwas unverhersehbar wirkt. Trotz samstäglichem Trubel vor den grossen Fenstern konnte Rea so eine persönliche und fast andächtige Athmosphäre schaffen.
Damit hatte dann anschliessend die Bernerin Pamela Mendez ihre Liebe Mühe, etwas verloren kämpfte sie mit ihren feinen Liedern um die Aufmerksamkeit des Publikums.
Später füllten dann Dave Eleanor, verstärkt durch Mirko Schwab (IMYAT und KSB) und solide Bassboxen, mit souverändem Electro-Soul, oder Bass Pop wie sie es nennen, laut und eingängig und modern mondän, ohne Mühe den Raum.

Von Raum zu Raum

1. June 2018

Im Gonzo Stil gibts diesmal hier Berichte aus den rauchigen Stuben des Hauses so direkt, wie das für ein Printmedium möglich ist, noch warm von Scheinwerfern und Druckmaschinen, subjektiv und schlecht recherchiert.
Die Tour durchs Haus beginnt ganz vorne, fast auch dem Vorplatz, in der Rössli Bar. An einem Mittwoch im Mai eröffnet dort die aus Berlin angereiste Band mit dem sperrigen Namen “Helga Blohm Dynastie” den Abend mit der Darbietung ihrer laut Affiche in der Schublade “Psychokraut” verorteten Musik. Dass das Label herzlich wenig aussagekraft hat ist Konzept, den HBD lässt kaum ein Label gelten, Krautrock, mag sein, Bluesrock, ja sicher, Country, machnmal, klamaukige Einlagen, ja auch. Die Herren stehen zu fünft auf der Bühne, teilweise aber nur gerade mit einer Schelle beitragend. Nach dem Konzert sind viele etwa gleich schlau wie vorher, negative Stimmen sind nicht auszumachen, überschwänglich positive auch nicht, es bleibt eine leise Verwirrung, den Punkt irgendwie nicht mitgekriegt zu haben.
Pirol anschliessend bliessen mit den ersten Takten alle Verwirrung aus den Köpfen, hier gibts instrumentalen Stoner-Rock, und zwar eine ordentliche Ladung. Reduce to the max ist die Devise, Schlagzeug, Gitarre, Bass ist alles was es braucht. Pirol, ein zierlicher gelber Vogel, wechseln mit kantiger Leichtigkeit von schnell zu langsam, vertrackt zu eingängig. Unhold, ebenfalls aus dem Berner Oberland stammend, nennen ihre Musik “Alpine Distortion”, und das passt auch ganz gut zu Pirol, Musik mit Ecken und Kanten, wie ein wilder Bach, der mal ruhig plätschert und mal tosend zwischen Felsen zu tiefe stürzt.
Ein paar Tage später ganz hinten im Haus, im Frauenraum, legten The Devils los, mehr Tornado als Bergbach, mehr italienische Grossstadt als Berner Oberland. So waren sie auch richtig laut, die Ohrenstöpfsel an der Bar fanden reissenden Absatz. Laut und lärmig scheint Konzept zu sein, auch die Videos auf Youtube sind eine ziemlich lärmige Angelegenheit, Melodien oder verständliche Texte sind kaum auszumachen, insofern ist auch die ohrenbetäumbende Lautstärke retrospektiv als angemessen zu bewerten. Doch leider endete das Konzerte aufgrund einer technischen Panne äusserst abrupt.
Nach einer kleinen Umbaupause traten zwei übergrosse, auf der Erde gestrandeten, “Sex Organs” die Bühne, unter der mit spitzen Zähnen bestückten Vulva versteckte sich die umtriebige Bernerin Jackie Brutsche. Mit straightem 1234 Rock’n’Roll mit Ami-Attitüde sangen die beiden, hier jetzt mit grösstenteils verständlichen Texten, über Sex, what else? So haben die Stücke so klingende Namen wie “I Wanne Be a Pussy”, “Camel Toe Twist” oder “Orgasms”. Dass Jackie Brutsche neben ihrer Garage Rock Band auch im Theater heimisch ist (The Rebel Sperm, The Moustache Princess) ist offensichtlich, bleibt die Musik wenig abwechlungsreich, wenn auch durchaus solider garage punk. Für Abwechslung sorgen theatralische, und zum Teil mit Einspielungen untermalten, Intermezzos zwischen den Songs.
Schön auch, dass auf der Frauenraum Bühne auch mal Platz für eine wenig verkopfte Auseinandersetzung mit Sexualität aus heterobinärer Perspektive.

Von Eulen und Pferden

1. May 2018

Aul, das ist nicht nur ein Berg im Graubünden mit beachtlicher geografischer Dominanz, sondern auch ein Musiktrio von Roland Wäspe, Martina Berther und Mario Hänni. Die Liste der Bands, in der die drei mitwirken ist lang; Um in der Schweiz von der Musik leben zu können muss auf vielen Hochzeiten getanzt und auf vielen Bühnen gespielt werden. Neben aul spielen sie in so unterschiedlichen Bands wie Pablo Nouvelle, Gimma, Ursina, Weird Beard, Ester Poly oder Hanreti deren stilistische Bandbreite von Rap über Jazz, Soul, Pop bis hin zu Punk reicht. Und nun spielten die drei an einem gewöhnlichen Mittwoch Abend im geliebten Ross dermassen unprätentiös, dass kaum vermutet würde, dass die Musiker und die Musikerin so mannigfaltige Erfahrungen mitbringen. Wäre da nicht die mit einer Präzision und Lockerheit gespielte Musik, wie sie nur von umtriebigen Instrumentalisten zur Perfektion gebracht wird.
iTunes nennt das Contemporary Jazz, aul selber geben sich das Etikett “Experimental Space Clash!”, ganz in der Tradition der Schubladisierungsverweigerung vieler anderer Musiker und Musikerinnen. Der Jazz Einfluss ist unüberhörbar, es findet sich aber auch eine ganze Portion Rock, was etwa an Schnellertollermeier erinnert. Deren David Meier notabene anschliessend im Ross bei LEON an den Fellen sass.
aul überzeugen nicht nur live, auch der mit einer abstrakten Eule (englisch owl) geschmückte zweite Tonträger groovt ganz schön und sorgt mit den ersten paar Liedern zumindest für Kopfnicken und bisweilen sogar dazu ein den Schreibstuhl für einen kleinen Tanz zu verlassen. Dass Mario Hänni, der am Schlagzeug massgebend für ebendiesen Groove zeichnet, Trip-Hop und zeitgenössischen R’n’B als Einflüsse nennt erstaunt darob nicht. Für Martina Berther, am Bass der Kitt zwischen Perkussion und Melodie, fühle sich das Spiel idealerweise wie Wellenreiten an, was ihr mit aus definitiv ausgezeichnet gelang!
https://aulmusic.bandcamp.com/

Die Vermessung der Nacht

1. April 2018

Bereits in der Januarausgabe dieser Schrift wurde über Peter Kernel berichtet, aber auch SRF Virus meint, Peter Kernel seien nach Risotto das zweitbeste aus dem Tessin. Den Vergleich find ich zwar etwas schwierig, aber einig bin ich damit: “Wir würden es am liebsten von den Dächern schreien: Peter Kernel sind eine der besten Schweizer Rockbands – und verdienen gerade darum viel mehr Aufmerksamkeit.” (https://is.gd/A5ISOz)
Zum Glück kriegen sie in Bern einige Aufmerksamkeit von VeranstalterInnen, so gibt es immer mal wieder die Gelegenheit, sie auf einer Bühne zu sehen, zuletzt etwa im aus allen Nähten platzenden ISC an der Tour de Lorraine.
Im März ist ihr viertes Album “The Size of the Night” erschienen, hier ein Versuch, das Gehörte zu beschreiben.

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Explosionen und Zeichnungen

1. March 2018

Geoff Barrow, aufgewachsen in Portishead im Süden von England, erlangte mit der nach diesem Städtchen benannten Gruppe grosse Bekanntheit und bespielte damit in den letzten Jahren die ganz grossen Bühnen, wie etwa die Hauptbühne des Paléo Festivals in Nyon. Die geringe Anzahl Veröffentlichungen von Portishead, seid ihrer Gründung 1991 haben sie gerade mal drei Alben veröffentlicht, legt nahe, dass sich deren Mitglieder auch anderweitig musikalisch betätigen.

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Johnny, Jenny, Gemma

1. February 2018

 

Als Savages 2012 die an Live Konzerten aufgenommene EP “I Am Here” veröffentlichten, liess das einige Aufhorchen, selten wurde in der letzten Zeit solche von Energie strotzender Post-Punk veröffentlicht. Das ein Jahr später veröffentlichte Debutalbum erfüllte und übertraff die hohen Erwartungen.
Nur gerade mit der EP im Gepäck machten sie auch im kleinen Zürcher Kinski Club an der Langstrasse halt.

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Autisten und verruchte Orchester

1. January 2018

Es ist ja unter Kulturjournalisten gang und gäbe Ende Jahr einen Jahresrückblick zu schreiben. Eine Bestenliste kann ich hier nicht schreiben, aber immerhin ein Konzertrückblick vom 22. Oktober im Beflat. Wer hätte gedacht, dass mein erster gedruckter Konzertbericht vom Beflat sein wird. Doch was Peter Kernel und Autisti auf die Turnhalle-Bühne brachten ist einen Bericht wert.

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Jazzcore und Mathematik II

1. December 2017

Neben dem in der letzten Folge ausgeführten Musik-Genre gibt es weitere einfallsreiche Schubladenlabels: Mathcore, als Weiterentwicklung von Jazzcore gehandelt, setzt nochmals einen drauf. Der Name spielt auf die mathematisch anmutenden hochkomplexen Kompositionen an, die wie berechnet wirken und sowohl von den Musikern und den Zuhörenden einiges abverlangen.

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Jazzcore und Mathematik I

1. November 2017

Genres dienen ja per Definition der Klassifikation von Kunst stossen aber gerade bei innovativer Kunst schnell an Grenzen. Neue Etiketten für neue Schubladen sind mal mehr mal weniger sinnig. Kreationen wie etwa Trip Hop, Electroclash, Slowcore oder eben Jazzcore sind ein Versuch, kaum schubladisierbare Musik trotzem in eine Schublade zu pressen.

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